Presse
Beruflicher „Seitensprung“ eines Journalisten des Weilburger Tageblatts
Lahn-Paddelboote ausrüsten, zur Abfahrt bringen und abends wieder einsammeln: Ein Bootsverleih verlangt ein gerüttelt Maß an Organisation, Logistik und Flexibilität. Ein Erlebnisbericht von Dieter Nobbe

„Um neun Uhr fünfzehn mit zwei Zehnern nach Leun,“ hatte Hans Dobranz mir am Abend davor die Befürchtung genommen, ich stünde bei meinem Seitensprung vor einem 16-Stunden-Tag – von sechs Uhr morgens bis zehn Uhr abends, entsprechend seinem öfteren eigenen Arbeitsalltag. Und nun wurde es heute morgen doch fast zehn Uhr, bis wir im „Dobi-Trans“-Pickup von Weilburg auf der Bundesstraße 49 Richtung Wetzlar fahren, den großen Anhänger im Schlepp, auf dem die „Zehner“ festgezurrt sind. Das sind Kanadierboote für zehn Passagiere, vermietet an die Mitarbeiter einer Frankfurter Behörde, die ihren Betriebsausflug auf der Lahn verbringen will.
 
Dass es zur Verspätung gekommen war, liegt an dem Autobahn-Stau, in den ein Teil der Frankfurter auf der Herfahrt geraten war. Nun verschieben sich alle weiteren Starttermine des Tages entsprechend nach hinten – die Kundschaft nimmt es jedoch erfreulich gelassen. Und Langeweile kam derweil nicht auf. Nicht nur große und angemeldete Gruppen wollen aufs Lahnwasser, auch Einzelpersonen und Familien kommen, manchmal spontan zur Bootsfahrt entschlossen. Alle müssen über die beabsichtigte Strecke und deren Vorschriften informiert werden („Anlegen und Aussteigen nur an entsprechend gekennzeichnete Stellen erlaubt“). Ich versuche, mit anzupacken: Paddel, Schwimmwesten (für Kinder bis 12 Jahren Pflicht) sind auszugeben, wer möchte, kann eine kleine wasserdichte Tonne für Proviant, Kamera, Handy oder Ausweispapiere mieten. Wer sein Auto auf dem Bootsgelände am Weilburger Schwimmbad während der Bootsfahrt stehen lassen möchte, braucht einen Parkschein.

Mittlerweile sind wir auf dem Jugendzeltplatz in Leun angekommen und ziehen die beiden über sieben Meter langen knallroten Boote von dem Hänger. Hans gibt den Gästen letzte Anweisungen. Viele der Bootsmieter waren schon mehrfach auf Lahntour und wissen, wie man in die Boote einsteigt, ohne gleich am Anfang zu kentern. Sonst erklärt Hans das geduldig, aber in aller Kürze und gelegentlichen augenzwinkernden Einlagen: „Bitte auch auf Piranhas und U-Boote achten.“ Die Boote tragen die Fahrer selbst zu Wasser, 160 Kilo wiegt ein Zehner, da muss man schon mal kräftig zupacken. Einige Stunden später werden wir Boote und Fahrgäste in Weilburg wieder sehen.

Dort wartet auf uns schon die Jugendgruppe aus dem Rheinland, die anschließend in zwei Zehnern von Weilburg aus durch Schiffstunnel und Doppelschleuse nach Aumenau paddeln will. Für die Kinder sind die Boote fast zu schwer und wir helfen ihnen tragen zum „Slip“, die ins Wasser führende schräge Rampe. Auf mich machen sie und ihre beiden erwachsenen Begleiter einen eher unsicheren Eindruck und auch Hans vermutet: „Für die wird das heute Abend spät werden.“ Er sollte Recht behalten, wie wir später noch erfahren.

Ebenfalls etwas unsicher sind zwei Familien, die wir auch noch an diesem Vormittag von Weilburg zur Schleuse Oberbiel bringen. Wenn Hans Dobranz unterwegs ist, betreut seine Frau Ingelore den Verleih. Wir helfen, die Zweier- und Dreier-Kanadier zu Wasser zu bringen, das geht bei knapp 60 Kilo Gewicht wesentlich leichter. Eins der Boote fährt bald nach dem Ablegen in die Uferböschung – erst einmal muss man begriffen haben, wie die Paddel für gute Vorwärtsfahrt richtig benutzt werden. Offenbar tun wir den Kunden einen Gefallen, dass wir sie zum weiteren Probieren allein lassen und fahren heim.

Meine tätige Mitwirkung beim Bootsverleih muss sich zunächst darauf beschränken, Boote auf die Transporthänger zu heben, festzuzurren und am Ziel auszuladen. Alles andere sind Ratschläge, die ich als Unerfahrener nicht geben kann: Wie man Schwimmwesten richtig anlegt, wie die Sitzordnung in den Booten sein sollte („der Schwerste sitzt hinten“) oder wie man die zur Körpergröße passenden Paddel aussucht. Wo man bei längeren Bootsfahrten übernachten oder auch nur einkehren kann, weiß Hans, wenn man ihn danach fragt, er gibt auch Ratschläge zur Bootsfahrt. Etwa die richtige Leiter in der Schiffstunnel-Schleuse zu finden, oder auf Sandbänke zu achten, die beim zurzeit niedrigen Wasserstand der Lahn zutage treten, man umfährt sie in Aumenau am besten links oder in Runkel rechts. Und ganz wichtig: die telefonische Meldung nach Weilburg, wo am Abend Boote und Ausrüstung an Land gebracht und zum Abholen hinterlassen wurden.

Ab Mittag wird es deutlich ruhiger am Verleihplatz, statt dem Gewusele der großen Gruppen vor der Abfahrt sind nun gelegentliche einzelne Besucher da, die sich umsehen oder in den nächsten Tagen mieten wollen, Getränke und Eiscreme werden ständig verlangt. Hans erzählt von Erlebnissen in den zehn Jahren, die er hier ist, von der Organisation und Logistik, die ein solcher Verleih braucht und von den selbst konstruierten Transporthängern (zum Teil mit elektrisch betriebenem Hebezeug). Er hat viele Stammkunden, die immer wieder kommen, Dankschreiben und Erinnerungen hängen an der Wand. Neue Fahrgäste kommen auf Empfehlung, vor allem wirbt die Fremdenverkehrs-Marketing oder der Kur- und Verkehrsverein Weilburg, mit denen Dobranz eng zusammenarbeitet. Etwa 70 Boote mit je 2, 3, 4 oder 10 Plätzen hält er am Verleihplatz neben dem Hallenbad bereit, dazu 270 Schwimmwesten in sechs Größen. Reparatur- und Ersatzmaterial lagert in verschiedenen Containern.

Gegen 17 Uhr zeigt Dobranz Unruhe: „Erst drei von den 40 ausgeliehenen Booten haben ihre Ablagestellen gemeldet,“ sorgt er sich, dass es heute Abend wieder spät wird. Wenn genügend Boote gemeldet sind, fährt das erste der vier „Dobi-Trans“-Autos zum Einsammeln los. Am liebsten möchte Hans zuerst die Zehner einsammeln, aber deren heutige Mieter – die Jugendgruppe vom Morgen – lassen, wie schon befürchtet, auf sich warten. Nach 18 Uhr können wir die Boote endlich in Fürfurt aufnehmen. „Einer unserer Steuermänner hat die Lahn mehrfach zurückgelegt,“ erklären die Betreuer ein wenig verlegen ihre Schwierigkeiten während der Fahrt. In Weilburg am Bootsplatz zurück wartet schon eine der beiden Putzfrauen, um die Boote zu reinigen, auch die anderen Einsammel-Autos sind mittlerweile zwischen Diez und Aumenau unterwegs. „Alle paar Tage fahren wir auch weiter weg, bis hin nach Lahnstein zur Rheinmündung.“ berichtet Hans Dobranz.

Ich hingegen habe Feierabend und mache mir auf dem Heimweg respektvolle Gedanken über die täglich wechselnde neue Herausforderung an Organisation, Logistik und Flexibilität, der sich ein auf den ersten Blick eigentlich einfacher Verleihbetrieb täglich neu gegenübersieht.